Am Montag habe ich einiges gelernt. Nein, nicht dass der Journalismus ein dreckiges Geschäft ist, keiner rosigen Zukunft entgegensieht und die meisten Vertreter dieser Zunft korrupte, zynische Dreckschweine sind. Das wußte ich schon lange vorher, ehrlich gesagt, waren eben dies drei sehr wichtige Argumente, warum ich mich damals überhaupt entschlossen habe, Journalistik zu studieren. Ich dachte, ich könnte an diesem Zustand etwas ändern. Ich war jung, dumm und idealistisch, hatte hohe moralische Ansprüche an mich und mein Umfeld. In diesem Punkt allerdings bin ich bis heute der selbe geblieben.
Daher habe ich auch seit rund einem halben Jahr keinen von den drei Blogs des „Don“ mehr besucht, weil er es fast nie schafft, sachlich zu bleiben und glaubt, jedes Argument mit Kraftausdrücken untermalen zu müssen. Ich pflege im Alltag auch deutliche Worte zu verwenden, doch muss ich es nicht übertreiben und beleidigend werden. So habe ich den halben Sonntag mit dem lesen seiner und anderer Blogs verbracht, um solide Fakten gegen ihn auszugraben. Es war mein innigster Wunsch, ihm in die Augen zu blicken und meine Meinung ins Gesicht zu spucken: „Du bist eine verlogene Drecksau! Zieh erstmal den Balken aus deinem eigenen Auge, bevor du hier den Moralapostel gibst!“
Doch ich wurde enttäuscht!
Zuerst musste ich erkennen, dass ihm faktisch leider gar nichts anzukreiden war. In all den Jahren, scheint es, hat er nicht ein einziges mal Unwahrheiten oder auch nur „Übergeigtes“ (wie Kai Diekmann sagt) gebloggt. Was er schreibt, ist zwar stilistisch mal erbärmlich, mal ganz schön krank und mal verzeihlich, aber dafür sachlich korrekt. Immer. Tags darauf der zweite Schock: Er macht tatsächlich einen ziemlich umgänglichen und sympathischen Eindruck! Endlich mal ein Gastvortrag an der Uni, wo ungeschminkte Wahrheiten vom Stapel gelassen werden und mensch nicht die ganze Zeit den Eindruck hat, ein Rentner auf Butterfahrt zu sein. Ist er also berechtigt, auf seinem hohen moralischen Roß zu sitzen und auf die meisten Anderen seines Fachs argwöhnisch herabzublicken, als wären sie eine inferiore Spezies? Das ist natürlich eine Suggestivfrage, doch im Falle Don Alphonso muss ich anerkennen, dass er sich seine hochnäsige Sichtweise leisten kann (nicht nur finanziell).
Ihm ist zugute zu halten, dass er hauptsächlich jene angreift, die mit unsauberen Geschäftsmethoden im Netz schnelles Geld machen wollen und solche, die unsauber recherchiert haben bzw geltendes Recht verletzen. Doch als Blogger will mensch ja auch wahrgenommen werden, das erreicht der Don vortrefflich, indem er mit seiner Derbheit polarisiert. Nichts ist in der Blogosphäre schlimmer, als ignoriert zu werden. Peter Turi sollte allen ein mahnendes Beispiel sein, was passieren kann, wenn man immer wieder falsche Tatsachenbehauptungen postet und sich dann auch noch rechtfertigen zu müssen glaubt.
„Ich bin, fürchte ich, letztlich der moralischte Mensch von der Welt“
Don am 26.April in seinem GTBlog
Dass er nicht erkennt, dass der Respekt vor dem Gegenüber und Bescheidenheit auch Bestandteile des etablierten Moralkodex sind, geschenkt! Wichtig ist, sich nicht zu einer billigen Retourkutsche hinreissen zu lassen, sollte man einmal eine „Watschen“ vom Don kassieren (was auch den sorgfältigsten mal passieren kann). Besser, mensch besinnt sich auf seine(n) Fehler, gelobt sich innerlich mehr Sorgfalt und belässt es dabei. Denn Schlammschlachten innerhalb der Blogosphäre mögen zwar kurzfristig die Visits nach oben treiben, auf lange Sicht beschädigen sie aber das eigene Ansehen und Mr Meyer kann sich eine neue Kerbe in seinen Laptop schnitzen.
Mag sein, das Rainer M. wirklich der liebste und beste Mensch südlich des Weißwurstäquators ist, ich für meinen Teil kaufe es ihm nicht ganz ab, dass die Kunstfigur Alphonso ihm nur als Maskerade dient, um der Bloggergemeinde eine Projektionsfläche zu bieten, an welcher sie sich reiben kann. Zwar ist mir eine Person mit Ecken und Kanten allemal lieber als aalglatte Businesstypen, doch hoffe ich inständig, dass diese Verachtung gegen die Johurnaille und PRostituierte ein wenig gespielt ist. Natürlich hat er Recht, wenn er behauptet, dass es „sehr, sehr viele Abschreiber und nur sehr wenige Leyendecker gibt.“ Er gab auch zu bedenken, dass er diese „dirty language“ in eigenen journalistischen Beiträgen nie verwenden würde. Doch anscheinend kennt er sich zu wenig aus, liest nicht viel Tageszeitungen ausser SZ und FAZ. Sonst wüßte er, dass Leyendecker beileibe nicht der einzige fähige Journalist in diesem Land ist. Kann man also annehmen, dass Don Alphonso sich als „Leyendecker der Blogospähre“ betrachtet? Ich glaube: jein!
Was wiederum die Frage aufwirft, warum er sein Talent nicht in einem besser rezipierten Medium entfaltet, sondern an die eher überschaubare Menge an Bloglesern „verschwendet.“ Dafür nannte er mehrere Gründe: weil Blogger keinen Respekt vor irgendjemand haben, die Korruption nicht so weit verbreitet ist wie im Journalismus, ihm die Bezahlung egal ist, er sich da so richtig nach Gusto austoben kann, weil er keiner redaktionellen Kontrolle unterworfen ist usw (Aufzählung unvollständig). Auf Nachfrage gab Meyer unumwunden zu, nie eine journalistische Ausbildung erfahren zu haben, unterstrich dies auch mit dem griffigen Statement:
„Ich habe keine Ahnung wie Journalismus funktioniert!“
War das vielleicht der Grund dafür, dass ER in der Diskussionsrunde/dem Vortrag so pauschal auf die ganze Berufsgruppe eingedroschen hat und nichts bahnbrechend neues erzählen konnte? Nein, schließlich waren einige der besten Journalisten der Welt Autodidakten. Aber wieso gab es dann seitens der meisten Zuhörer dann im Nachhinein ein so empörtes Echo, welches beispielhaft aufzeigt, wie zuverlässig Dons Masche greift, sein Gegenüber mit Arroganz und Holzhammerrhetorik argumentationsblind zu machen? Nach meinem Dafürhalten ist am wahrscheinlichsten, dass jene sich bei den etwas pauschalisierten Aussagen wie „Journalisten sind zynische Dreckschweine“ persönlich angegriffen fühlten, dabei war es nur eine der geläufigen Aphonsoschen Derbheiten, die allzu selten gehörte grundsätzliche Wahrheiten in Erinnerung rief.
Ich bin der Meinung, dass es jedem moralisch nicht ganz bankrotten Menschen von Zeit zu Zeit übel werden muss, wenn sie/er sich die Berichterstattung von dpa, SpOn und einem Großteil der Tageszeitungen genauer ansieht. Vom Privatfernsehen mal ganz zu schweigen. Es entspricht meiner eigenen Erfahrung, dass eigentlich jede Firma/Behörde darauf bedacht ist, sich eine gewogene Berichterstattung zu erkaufen. Jede(r) Medienschaffende sollte sich ihrer/seiner Rolle als Rädchen im Getriebe des Propagandaapparates bewußt und permanent auf Unabhängigkeit bedacht sein. Dazu noch zwei Zitate zum an-den-Kühlschrank-kleben:
„Das ist der Weisheit letzter Schluss: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muss.“ Goethe
„Kümmere dich nicht um den Beifall von Leuten, die du nicht kennst oder die du verachtest.“ – Leo Tolstoi

8 comments
Comments feed for this article
Juni 20, 2007 um 10:12
tee
ich muss gestehen, dass ich als doppel-a-blogger noch nie was von einem hinterlandblogger namens don alphonso gehört hatte und es mich deswegen ein wenig verwundert, bei dir -meinem bindeglied zur abgehängten blogosphäre- etwas über so triviales wie (post)intellektuelles journalistikbashing mit wahrheitsanspruch zu lesen.
sei’s drum – getroffene hunde bellen und beissende hunde … bloggen hinterher drüber?!
Juni 20, 2007 um 10:29
schreibtischlampe
ach tee, ich sagte dir doch bereits mehrmals, dass es sich hier um ein seminarprojekt handelt. ich habe ja auch geschrieben, dass nichts einen blogger und damit auch DA mehr trifft als nichtbeachtung. diese message ist auch eher an meine seminarkollegen gedacht, deren reaktionen ziemlich, naja sagen wir mal „eigenartige“ blüten treibt. nachzulesen unter http://www.354hive.roteskloster.de
Juni 20, 2007 um 10:46
tee
oooch mensch … für euch web 2.0-generationist/innen bau ich nachträglich noch fünf smileys ein. zufrieden?!
ps: den ganzen scheiss, den deine kommiliton/innen da verzapften, les ich natürlich nicht wirklich. vielleicht sogar aus angst, dass sich das mit deinem text nicht viel nimmt
Juni 20, 2007 um 10:53
schreibtischlampe
ne, da haste wohl recht. aber ich kleide den gleichen mist in schönere worte, damit der text langweiliger und vor allem länger wird! bin nämlich zeilenhonorar gewohnt
offtopic: wo bleibt die auflösung des schachrätsels?
Juni 21, 2007 um 12:22
tee
ähm … ja, ich dachte die lieferst du?! streng dich doch mal an …
na gut: probier’s ab morgen mittag mal hier auf meinem blog, vielleicht hilft dir da noch irgendjemand …
Juni 21, 2007 um 12:13
philippb
Yay, so siehts aus und gefällt. Es gibt Beifall, den Tolstoi hoffentlich nicht gemeint hat.
Aber es heißt „Holtzhammerrhetorik“ und nicht „Holzhammerrhetorik“.
Juni 21, 2007 um 4:05
schreibtischlampe
naja, fast. ich hatte ein h zuviel, du ein t zuviel. jetzt müsste es stimmen. aber man kann sich eben auch an kleinigkeiten aufhängen, wie wir sehen. wenigstens wird es durch *g* noch konterkarriert.
Juni 21, 2007 um 9:59
martinlippert
Anweisung von oben…