Das Ostseebad Heiligendamm, Ort des Labsals, des erquickenden Eskapismus und wie geschaffen, um sich von dem Stress und Ärger des Alltags zu entspannen. So dachte auch ich und gönnte mir einige Tage Urlaub von der Uni und bestieg den unklimatisierten Zug in Richtung Rostock.
Zu meinem Erstaunen dachten sich dasselbe auch in höchste Ämter gewählte Volksvertreter aus den wohlhabenderen Ländern des Globus, weshalb das Gebiet um einen schönen Urlaubsort mal eben für einige Tage zur Sperrzone erklärt und Josef Jedermann der Zutritt verwehrt wurde.
Das ganze nannte sich dann Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs (und einer -chefin) der sieben wichtigsten Wirtschaftsnationen und Rußlands (vulgo G8) in Heiligendamm vom 6. bis 8. Juni 2007.
Anfangs sollte der kritische Standpunkt in der Berichterstattung zu Gunsten des öffentlichkeitswirksameren Krawalls in den Hintergrund rücken. Man muss den Massenmedien zu Gute halten, dass es auch schlicht zu viel verlangt ist, von der Masse der Eindrücke eines so vielfältigen „Events“ einen umfassenden Einblick zu gewährleisten. Zumal, wenn im besten Fall ein oder zwei Reporter des Hauses vor Ort sind.
Wie ist ein „umfassender Einblick“ in so eine komplizierte Materie überhaupt möglich? Schwierig, dazu müsste mensch noch einige Wochen intensive Nachrecherche betreiben und irgendwann, in einem halben Jahr frühestens, wenn sich kaum noch jemand dafür interessiert, ein Buch herausbringen. Welches dann immerhin gelegentlich als Quelle für diverse Abschluss- oder Promotionsarbeiten im Fach Soziologie oder Politikwissenschaft herangezogen werden wird.
Darum und weil ich mich nicht von der einen oder anderen Seite vereinnahmen lassen will, muss ich mich wohl mit jenen Randnotizen begnügen, welche mir berichtenswert erscheinen:
* Zunächst ein Kuriosum, welches zumindest laut Google noch in keinem der etablierten Medien thematisiert wurde. Mehrere Augenzeugen berichteten mir unabhängig voneinander, dass sie beobachtet haben, wie Claudia Roth, ihres Zeichens Bundesvorsitzende der Grünen, nicht wie beabsichtigt am Demonstrationszug durch Rostock am 2.Juni teilnehmen konnte. Sie sei von der Masse der Umstehenden minutenlang und lautstark als „Kriegstreiberin“ und „Abschieberin“ tituliert worden, bis sie ihr Heil in der Flucht suchte (zu sehen bei interpool).
* Die von der Polizeileitung vielbeschworene „Deeskalationstaktik“ war ein Lippenbekenntnis, eigentlich nicht zu erkennen, weder bei den Demonstrationen in Rostock noch bei den Blockaden an den Zufahrtswegen nach Heiligendamm.
* Positiv muss man „den Medien“ ankreiden, dass sie es inzwischen geschafft haben, den unpassenden Terminus „Globalisierungsgegner“ gegen den zumindest teilweise zutreffenden „Globalisierungskritiker“ zu tauschen.
* Die Razzien in Berlin, Hamburg und anderen norddeutschen Bundesländern vier Wochen vor dem Gipfel haben einen Mobilisierungsschub ausgelöst und nicht unerheblich dazu beigetragen, die Stimmung innerhalb der Linken aufzuheizen, was eine Eskalation der Ereignisse am 2.Juni begünstigte.
* Kavala hat im Zeitraum von einer Woche die Pressevertreter sowie die eigenen Untergebenen fahrlässig oder bewusst mit Fehlmeldungen angeheizt. Ebenso wurden maßlos übertriebene Verletztenzahlen verbreitet. Ebenso wie bei den eingeschleusten Agents Provocateurs will die Polizeiführung keine Verantwortung übernehmen.
* Dennoch ist es nicht gelungen, das Lager der Protestierenden in „Gute“ und „Böse“ zu spalten, lediglich attac-Mitgründer Peter Wahl machte sich mit seiner Distanzierung bei einem Großteil der linken Szene zur „Persona non grata„
* Das Schengenabkommen wurde, wie bereits im Vorjahr zur Fussball-WM, vorübergehend außer Kraft gesetzt und mindestens 67 Personen ist daher der Zugang zum Großraum Rostock verwehrt worden. Als Vorwand waren schon zur Vermummung geeignete Gegenstände wie schwarze Kapuzenpullover, Handschuhe und Tücher ausreichend, in einem Fall sogar ein T-Shirt mit aufgedrucktem Piratenlogo.
* Die Bundeswehr wurde mit zweifelhafter Legitimation im Inland eingesetzt. Ob der Einsatz von Spürpanzern rund um den Flughafen Rostock-Laage und mindestens eines Tornados noch unter „Amtshilfe“ fällt, wird in den kommenden Wochen den Bundestag beschäftigen.
* Über 1000 vorübergehende Festnahmen mutmaßlicher Globalisierungskritiker, meist aus allzu fadenscheinigen Gründen wie dem Mitführen „verdächtiger Kapuzenjacken, Sonnenbrillen und Schals“. Dazu kommen noch unwürdige Haftbedingungen und beschleunigte Verfahren.
* In der Klimafrage und der Hilfe für Afrika ist mensch keinen Schritt weitergekommen (weiß sogar wikipedia zu berichten) Abdoulaye Wade, der Staatspräsident Senegals: „Wir sind ein kleines Land ohne Bodenschätze, wir brauchen Hilfe, Straßen zum Beispiel und Flughäfen. Unsere Leute sind gesund, wollen was arbeiten, was unternehmen, da kann man doch nicht nur über Seuchen reden.“
Fazit: Die meisten der etablierten komerziellen Medien haben enorm an Glaubwürdigkeit eingebüßt, weil sie zumeist ungeprüft die Statements von Kavala verbreitet haben und erst viel zu spät, teilweise gar nicht berichtigt haben. Wer interessiert ist, wie die Gipfeldemonstranten die Lage wahrnahmen, dem sei interpool-tv empfohlen.

3 comments
Comments feed for this article
Juni 21, 2007 um 9:56
delos
Zum Kuriosum. Es stand in einem Erfahrungsbericht von juliane Nagel in der Jungle World.
Juni 22, 2007 um 12:09
schreibtischlampe
Danke für den Hinweis. Sie war auch eine der Personen, die mir davon berichtet haben. Ich schrieb ja nur, dass dieses Kuriosum zum Zeitpunkt, da dies hier veröffentlicht wurde, noch nicht im Internet zu lesen war. Oder Google jedenfalls noch nichts davon wußte.
Juni 22, 2007 um 7:14
delos
japp. war kein Vorwurf