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Was mir noch auffiel, bevor ich die Räumlichkeiten unseres ehrenwerten Instituts am Montag verließ: ein Plakat des Netzwerks Recherche (zu sehen hier, pdf), angebracht an der Pinnwand des Lehrstuhls für Journalistik I.
Ich sah die Überschrift „Medienkodex“ und war für´s erste gefesselt, doch habe ich nur die Präambel des 10-Punkte Programms gelesen und bin dann kopfschüttelnd weitergegangen. Dort heißt es im ersten Satz:
Neue Technologien und zunehmender ökonomischer Druck gefährden den Journalismus.
Mal ganz abgesehen von der unglücklich schwammigen Formulierung und der Verwendung des Anglizismus „zunehmend“, sind alle darunter aufgeführten 10 Punkte wichtig und richtig. Aber was soll ich mir denn unter den „neuen Technologien“ bitteschön vorstellen, welche im Begriff sind, die von mir gewählte Branche auf die rote Liste der bedrohten Berufssparten zu verweisen? Die Antwort darauf wird mir das Netzwerk Recherche wohl auf ewig schuldig bleiben. Blogs können ja kaum gemeint sein (s.u.).
Nur gut, dass Thomas Leif in der dazu gehörigen Pressemitteilung (vom 13.04.) auch gleich den Zweck dieses neuen Kodex erläutert:
Der Medienkodex soll Diskussionen über die Verantwortung der Medien in einer demokratischen Gesellschaft fördern.
Bevor aber aber die Rede vom blinden Alarmismus wieder aufflammt, sollte auch beachtet werden, was Matthias Armborst bereits am 19.05.2006 bei NR veröffentlicht hat:
Weblogs können den Journalismus bereichern, aber niemals ersetzen
Denn eine Bereicherung des Journalismus sind Blogs auf jeden Fall und „chaotisch“ wird auch mittelfristig das richtige Adjektiv sein, um die Zustände innerhalb der Blogosphäre zu beschreiben. Nach Ansicht des Alphatieres Don Alphonso könnte hier eine Bloggergewerkschaft Abhilfe schaffen.
Am Montag habe ich einiges gelernt. Nein, nicht dass der Journalismus ein dreckiges Geschäft ist, keiner rosigen Zukunft entgegensieht und die meisten Vertreter dieser Zunft korrupte, zynische Dreckschweine sind. Das wußte ich schon lange vorher, ehrlich gesagt, waren eben dies drei sehr wichtige Argumente, warum ich mich damals überhaupt entschlossen habe, Journalistik zu studieren. Ich dachte, ich könnte an diesem Zustand etwas ändern. Ich war jung, dumm und idealistisch, hatte hohe moralische Ansprüche an mich und mein Umfeld. In diesem Punkt allerdings bin ich bis heute der selbe geblieben.
Daher habe ich auch seit rund einem halben Jahr keinen von den drei Blogs des „Don“ mehr besucht, weil er es fast nie schafft, sachlich zu bleiben und glaubt, jedes Argument mit Kraftausdrücken untermalen zu müssen. Ich pflege im Alltag auch deutliche Worte zu verwenden, doch muss ich es nicht übertreiben und beleidigend werden. So habe ich den halben Sonntag mit dem lesen seiner und anderer Blogs verbracht, um solide Fakten gegen ihn auszugraben. Es war mein innigster Wunsch, ihm in die Augen zu blicken und meine Meinung ins Gesicht zu spucken: „Du bist eine verlogene Drecksau! Zieh erstmal den Balken aus deinem eigenen Auge, bevor du hier den Moralapostel gibst!“
Doch ich wurde enttäuscht!
Zuerst musste ich erkennen, dass ihm faktisch leider gar nichts anzukreiden war. In all den Jahren, scheint es, hat er nicht ein einziges mal Unwahrheiten oder auch nur „Übergeigtes“ (wie Kai Diekmann sagt) gebloggt. Was er schreibt, ist zwar stilistisch mal erbärmlich, mal ganz schön krank und mal verzeihlich, aber dafür sachlich korrekt. Immer. Tags darauf der zweite Schock: Er macht tatsächlich einen ziemlich umgänglichen und sympathischen Eindruck! Endlich mal ein Gastvortrag an der Uni, wo ungeschminkte Wahrheiten vom Stapel gelassen werden und mensch nicht die ganze Zeit den Eindruck hat, ein Rentner auf Butterfahrt zu sein. Ist er also berechtigt, auf seinem hohen moralischen Roß zu sitzen und auf die meisten Anderen seines Fachs argwöhnisch herabzublicken, als wären sie eine inferiore Spezies? Das ist natürlich eine Suggestivfrage, doch im Falle Don Alphonso muss ich anerkennen, dass er sich seine hochnäsige Sichtweise leisten kann (nicht nur finanziell).
Ihm ist zugute zu halten, dass er hauptsächlich jene angreift, die mit unsauberen Geschäftsmethoden im Netz schnelles Geld machen wollen und solche, die unsauber recherchiert haben bzw geltendes Recht verletzen. Doch als Blogger will mensch ja auch wahrgenommen werden, das erreicht der Don vortrefflich, indem er mit seiner Derbheit polarisiert. Nichts ist in der Blogosphäre schlimmer, als ignoriert zu werden. Peter Turi sollte allen ein mahnendes Beispiel sein, was passieren kann, wenn man immer wieder falsche Tatsachenbehauptungen postet und sich dann auch noch rechtfertigen zu müssen glaubt.
„Ich bin, fürchte ich, letztlich der moralischte Mensch von der Welt“
Don am 26.April in seinem GTBlog
Dass er nicht erkennt, dass der Respekt vor dem Gegenüber und Bescheidenheit auch Bestandteile des etablierten Moralkodex sind, geschenkt! Wichtig ist, sich nicht zu einer billigen Retourkutsche hinreissen zu lassen, sollte man einmal eine „Watschen“ vom Don kassieren (was auch den sorgfältigsten mal passieren kann). Besser, mensch besinnt sich auf seine(n) Fehler, gelobt sich innerlich mehr Sorgfalt und belässt es dabei. Denn Schlammschlachten innerhalb der Blogosphäre mögen zwar kurzfristig die Visits nach oben treiben, auf lange Sicht beschädigen sie aber das eigene Ansehen und Mr Meyer kann sich eine neue Kerbe in seinen Laptop schnitzen.
Mag sein, das Rainer M. wirklich der liebste und beste Mensch südlich des Weißwurstäquators ist, ich für meinen Teil kaufe es ihm nicht ganz ab, dass die Kunstfigur Alphonso ihm nur als Maskerade dient, um der Bloggergemeinde eine Projektionsfläche zu bieten, an welcher sie sich reiben kann. Zwar ist mir eine Person mit Ecken und Kanten allemal lieber als aalglatte Businesstypen, doch hoffe ich inständig, dass diese Verachtung gegen die Johurnaille und PRostituierte ein wenig gespielt ist. Natürlich hat er Recht, wenn er behauptet, dass es „sehr, sehr viele Abschreiber und nur sehr wenige Leyendecker gibt.“ Er gab auch zu bedenken, dass er diese „dirty language“ in eigenen journalistischen Beiträgen nie verwenden würde. Doch anscheinend kennt er sich zu wenig aus, liest nicht viel Tageszeitungen ausser SZ und FAZ. Sonst wüßte er, dass Leyendecker beileibe nicht der einzige fähige Journalist in diesem Land ist. Kann man also annehmen, dass Don Alphonso sich als „Leyendecker der Blogospähre“ betrachtet? Ich glaube: jein!
Was wiederum die Frage aufwirft, warum er sein Talent nicht in einem besser rezipierten Medium entfaltet, sondern an die eher überschaubare Menge an Bloglesern „verschwendet.“ Dafür nannte er mehrere Gründe: weil Blogger keinen Respekt vor irgendjemand haben, die Korruption nicht so weit verbreitet ist wie im Journalismus, ihm die Bezahlung egal ist, er sich da so richtig nach Gusto austoben kann, weil er keiner redaktionellen Kontrolle unterworfen ist usw (Aufzählung unvollständig). Auf Nachfrage gab Meyer unumwunden zu, nie eine journalistische Ausbildung erfahren zu haben, unterstrich dies auch mit dem griffigen Statement:
„Ich habe keine Ahnung wie Journalismus funktioniert!“
War das vielleicht der Grund dafür, dass ER in der Diskussionsrunde/dem Vortrag so pauschal auf die ganze Berufsgruppe eingedroschen hat und nichts bahnbrechend neues erzählen konnte? Nein, schließlich waren einige der besten Journalisten der Welt Autodidakten. Aber wieso gab es dann seitens der meisten Zuhörer dann im Nachhinein ein so empörtes Echo, welches beispielhaft aufzeigt, wie zuverlässig Dons Masche greift, sein Gegenüber mit Arroganz und Holzhammerrhetorik argumentationsblind zu machen? Nach meinem Dafürhalten ist am wahrscheinlichsten, dass jene sich bei den etwas pauschalisierten Aussagen wie „Journalisten sind zynische Dreckschweine“ persönlich angegriffen fühlten, dabei war es nur eine der geläufigen Aphonsoschen Derbheiten, die allzu selten gehörte grundsätzliche Wahrheiten in Erinnerung rief.
Ich bin der Meinung, dass es jedem moralisch nicht ganz bankrotten Menschen von Zeit zu Zeit übel werden muss, wenn sie/er sich die Berichterstattung von dpa, SpOn und einem Großteil der Tageszeitungen genauer ansieht. Vom Privatfernsehen mal ganz zu schweigen. Es entspricht meiner eigenen Erfahrung, dass eigentlich jede Firma/Behörde darauf bedacht ist, sich eine gewogene Berichterstattung zu erkaufen. Jede(r) Medienschaffende sollte sich ihrer/seiner Rolle als Rädchen im Getriebe des Propagandaapparates bewußt und permanent auf Unabhängigkeit bedacht sein. Dazu noch zwei Zitate zum an-den-Kühlschrank-kleben:
„Das ist der Weisheit letzter Schluss: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, Der täglich sie erobern muss.“ Goethe
„Kümmere dich nicht um den Beifall von Leuten, die du nicht kennst oder die du verachtest.“ – Leo Tolstoi
Das Ostseebad Heiligendamm, Ort des Labsals, des erquickenden Eskapismus und wie geschaffen, um sich von dem Stress und Ärger des Alltags zu entspannen. So dachte auch ich und gönnte mir einige Tage Urlaub von der Uni und bestieg den unklimatisierten Zug in Richtung Rostock.
Zu meinem Erstaunen dachten sich dasselbe auch in höchste Ämter gewählte Volksvertreter aus den wohlhabenderen Ländern des Globus, weshalb das Gebiet um einen schönen Urlaubsort mal eben für einige Tage zur Sperrzone erklärt und Josef Jedermann der Zutritt verwehrt wurde.
Das ganze nannte sich dann Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs (und einer -chefin) der sieben wichtigsten Wirtschaftsnationen und Rußlands (vulgo G8) in Heiligendamm vom 6. bis 8. Juni 2007.
Anfangs sollte der kritische Standpunkt in der Berichterstattung zu Gunsten des öffentlichkeitswirksameren Krawalls in den Hintergrund rücken. Man muss den Massenmedien zu Gute halten, dass es auch schlicht zu viel verlangt ist, von der Masse der Eindrücke eines so vielfältigen „Events“ einen umfassenden Einblick zu gewährleisten. Zumal, wenn im besten Fall ein oder zwei Reporter des Hauses vor Ort sind.
Wie ist ein „umfassender Einblick“ in so eine komplizierte Materie überhaupt möglich? Schwierig, dazu müsste mensch noch einige Wochen intensive Nachrecherche betreiben und irgendwann, in einem halben Jahr frühestens, wenn sich kaum noch jemand dafür interessiert, ein Buch herausbringen. Welches dann immerhin gelegentlich als Quelle für diverse Abschluss- oder Promotionsarbeiten im Fach Soziologie oder Politikwissenschaft herangezogen werden wird.
Darum und weil ich mich nicht von der einen oder anderen Seite vereinnahmen lassen will, muss ich mich wohl mit jenen Randnotizen begnügen, welche mir berichtenswert erscheinen:
* Zunächst ein Kuriosum, welches zumindest laut Google noch in keinem der etablierten Medien thematisiert wurde. Mehrere Augenzeugen berichteten mir unabhängig voneinander, dass sie beobachtet haben, wie Claudia Roth, ihres Zeichens Bundesvorsitzende der Grünen, nicht wie beabsichtigt am Demonstrationszug durch Rostock am 2.Juni teilnehmen konnte. Sie sei von der Masse der Umstehenden minutenlang und lautstark als „Kriegstreiberin“ und „Abschieberin“ tituliert worden, bis sie ihr Heil in der Flucht suchte (zu sehen bei interpool).
* Die von der Polizeileitung vielbeschworene „Deeskalationstaktik“ war ein Lippenbekenntnis, eigentlich nicht zu erkennen, weder bei den Demonstrationen in Rostock noch bei den Blockaden an den Zufahrtswegen nach Heiligendamm.
* Positiv muss man „den Medien“ ankreiden, dass sie es inzwischen geschafft haben, den unpassenden Terminus „Globalisierungsgegner“ gegen den zumindest teilweise zutreffenden „Globalisierungskritiker“ zu tauschen.
* Die Razzien in Berlin, Hamburg und anderen norddeutschen Bundesländern vier Wochen vor dem Gipfel haben einen Mobilisierungsschub ausgelöst und nicht unerheblich dazu beigetragen, die Stimmung innerhalb der Linken aufzuheizen, was eine Eskalation der Ereignisse am 2.Juni begünstigte.
* Kavala hat im Zeitraum von einer Woche die Pressevertreter sowie die eigenen Untergebenen fahrlässig oder bewusst mit Fehlmeldungen angeheizt. Ebenso wurden maßlos übertriebene Verletztenzahlen verbreitet. Ebenso wie bei den eingeschleusten Agents Provocateurs will die Polizeiführung keine Verantwortung übernehmen.
* Dennoch ist es nicht gelungen, das Lager der Protestierenden in „Gute“ und „Böse“ zu spalten, lediglich attac-Mitgründer Peter Wahl machte sich mit seiner Distanzierung bei einem Großteil der linken Szene zur „Persona non grata„
* Das Schengenabkommen wurde, wie bereits im Vorjahr zur Fussball-WM, vorübergehend außer Kraft gesetzt und mindestens 67 Personen ist daher der Zugang zum Großraum Rostock verwehrt worden. Als Vorwand waren schon zur Vermummung geeignete Gegenstände wie schwarze Kapuzenpullover, Handschuhe und Tücher ausreichend, in einem Fall sogar ein T-Shirt mit aufgedrucktem Piratenlogo.
* Die Bundeswehr wurde mit zweifelhafter Legitimation im Inland eingesetzt. Ob der Einsatz von Spürpanzern rund um den Flughafen Rostock-Laage und mindestens eines Tornados noch unter „Amtshilfe“ fällt, wird in den kommenden Wochen den Bundestag beschäftigen.
* Über 1000 vorübergehende Festnahmen mutmaßlicher Globalisierungskritiker, meist aus allzu fadenscheinigen Gründen wie dem Mitführen „verdächtiger Kapuzenjacken, Sonnenbrillen und Schals“. Dazu kommen noch unwürdige Haftbedingungen und beschleunigte Verfahren.
* In der Klimafrage und der Hilfe für Afrika ist mensch keinen Schritt weitergekommen (weiß sogar wikipedia zu berichten) Abdoulaye Wade, der Staatspräsident Senegals: „Wir sind ein kleines Land ohne Bodenschätze, wir brauchen Hilfe, Straßen zum Beispiel und Flughäfen. Unsere Leute sind gesund, wollen was arbeiten, was unternehmen, da kann man doch nicht nur über Seuchen reden.“
Fazit: Die meisten der etablierten komerziellen Medien haben enorm an Glaubwürdigkeit eingebüßt, weil sie zumeist ungeprüft die Statements von Kavala verbreitet haben und erst viel zu spät, teilweise gar nicht berichtigt haben. Wer interessiert ist, wie die Gipfeldemonstranten die Lage wahrnahmen, dem sei interpool-tv empfohlen.

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