Je mehr Jahresringe sich um die Seele eines anfangs einfühlsam-zarten, biegsamen Menschenwesens legen, desto seltener wird unsereins mit fortschreitendem Alter vor dem Problem stehen, aus plötzlich eintretendem Entsetzen das Pulver vom Spiegel gepustet zu haben. Man hat eben schon so einiges erleben dürfen.
Deshalb sorgte es bei mir auch nur für ein leichtes Anheben der rechten Augenbraue, als ich heute Morgen lesen musste, dass Benjamin von Stuckrad-Barre für den „Egon Erwin Kisch Preis“ nominiert war, der seit drei Jahren auch als der „Henri Nannen Preis“ in der Kategorie „beste Reportage“ bezeichnet werden kann.
Mit Betonung auf „war“, denn bekommen haben ihn die anderen beiden Nominierten. Liest man sich die drei Reportagen durch, so erklärt sich diese Entscheidung von selbst. So sehr ich seine Fähigkeiten als Vorleser respektiere und seinen literarischen Erfolg achte, so wenig hatte ich damit gerechnet, dass BvSB für eine Reportage prämiert werden könnte! Ebenso unterhaltsam wie seine Schreibe sein kann, so belanglos ist sie auch, hatte ich ein ums andere mal erfahren müssen.
Vitamin B im Spiel?
Einen kleinen Hinweis gibt es allerdings, wie es überhaupt dazu kommen konnte: die Beschreibung von Klaus Wowereits Arbeitsleben (zum Glück nur das Arbeitsleben!) erschien damals im Dezember 2006 in der Jubiläumsausgabe der Tempo. Meine Vermutung ist ja, dass da das gute alte VitaminB im Spiel gewesen sein muss, was angesichts der übrigen Redakteure, welche an jener Ausgabe mitgewerkelt haben, kaum verwundern dürfte.
Das Alter… man gewöhnt sich eben an vieles. Die Bänder und Gelenke wollen nicht mehr so richtig, die Lunge hat kaum noch Volumen oder pfeift und das Haar ergraut. Doch dass ein Preis, der nach Egon Erwin Kisch benannt ist, von Gruner+Jahr sowie dem Stern vergeben werden darf, daran werde ich mich wohl erst dann abfinden können, wenn ich selbst mal eine fette Abfindung kassieren darf.

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